258/11 Interview mit Jens Groskopf zu “Sicherheit” auf Veranstaltungen | 27.07.2011

Alle Beteiligte müssen Verantwortung übernehmen, damit ein Event sicher wird, so Jens Groskopf, beratender Rettungsingenieur aus Köln.

 

Das Unternehmen GROSKOPF Rescue Engineering Consulting unterstützt Veranstalter dabei die Unversehrtheit der Gäste sicherzustellen.

 

Eventfaq sprach mit dem Gründer Jens Groskopf.

 

Seit 1996 ist er im aktiven Rettungsdienst und war im Rettungsdienst-Management tätig. Im Jahr 2006 erwarb er nach dem Studiengang Rescue Engineering (heute Rettungsingenieurwesen) an der FH Köln den Bachelor-Grad.

 

In seiner Bachelor-Thesis befasste er sich mit der Optimierung von Prozessen im Rettungswesen durch den Einsatz von Kommunikationstechnik. Er war u.a. Ausbildungsbeauftragter für Rettungsdienstpersonal und in sanitätsdienstlichen Einsatzleitungen von Großveranstaltungen tätig.

 

eventfaq: Das Unglück der Loveparade ist im Moment wieder stärker in den Medien präsent; viele sprechen von der Sicherheit, die verbessert werden muss. Was ist „Sicherheit“?

Groskopf: Der Begriff “Sicherheit” ist für mich sehr abstrakt. Er wird für viele Sachverhalte verwendet, die miteinander wenig gemeinsam haben. Vergleichen Sie z.B. mal den Bereich Datensicherheit und Rechtssicherheit. In der Dienstleistung, die ich anbiete geht es ganz speziell um das unmittelbare Wohl der Menschen. Ich übernehme Verantwortung für die körperliche Unversehrtheit von Menschen innerhalb von Veranstaltungen.

 

eventfaq: Was bedeutet denn „Verantwortung für Unversehrtheit”?

Groskopf: Für mich ist wichtig, dass die körperliche Unversehrtheit unbedingt erhalten bleibt. Dabei ist natürlich in erster Linie wichtig, dass erst gar kein Schaden zustande kommt. Das heißt, dass Konzepte da sein müssen, die präventiven Charakter haben und so vor Schadensereignissen schützen. Ein wichtiges Augenmerk muss dabei auch das frühzeitige Erkennen von Abläufen sein, die evtl. zu Schäden führen könnten. Der zweite wichtige Aspekt in meiner Arbeit liegt aber auch darin, Konzepte zu haben, um gezielt zu reagieren, wenn es gefährlich wird. Und es müssen klare Prozesse definiert sein, die ablaufen, wenn doch ein Schaden eintritt. Denn bei allen Bemühungen; es wird keinen vollständigen Schutz vor Schadensereignissen geben. In meinen Augen muss deshalb jemanden da sein, der genau für den sehr umfassenden Aspekt der Unversehrtheit über alle Bereiche hinweg Verantwortung übernimmt.

 

eventfaq: Das klingt nach schöner Theorie. Jede beteiligte Institution hat doch ihren eigenen Zuständigkeitsbereich. Wie setzen Sie Ihre Vorstellungen in der Praxis um?

Groskopf: Sie haben gerade den sehr charakteristischen Begriff “Zuständigkeitsbereich” benutzt. Darin steckt schon sehr viel an Problemen. Zuständigkeiten beschreiben immer eine Abgrenzung zu einem anderen Bereich. Es fällt leicht, gerade wenn es unangenehm wird, sich hinter seiner Zuständigkeit zu verstecken. Mir ist es wichtig von Verantwortung zu sprechen und auch verantwortlich zu handeln. Das kann allerdings nur gelingen, wenn eine klare Zielsetzung besteht, die alle Beteiligten mittragen. In regelmäßigen Treffen müssen die einzelnen Planungen und Maßnahmen uneingeschränkt in Bezug auf die Zielsetzung überprüft werden. Entscheidend ist auch, dass die Ziele klare Zustände für die Veranstaltung beschreiben; unabhängig von Aufgabengebieten der Bearbeitenden. Wenn alle Beteiligte diesen Zielen verpflichtet sind, lassen sich Überschneidungen und vor allem auch Lücken in Zuständigkeitsbereichen überwinden. Ich sehe mich, in Verpflichtung für das Gelingen der Veranstaltung, als Moderator und Koordinator der angesprochenen Sachverhalte.

 

eventfaq: Die Budgets der Veranstalter sind heute schon eng kalkuliert. Warum sollte dann ein Veranstalter noch Geld für Ihre Leistung ausgeben und sich nicht einfach selbst um das Thema kümmern?

Groskopf: Erst einmal möchte ich festhalten, dass sich jeder Veranstalter um das Thema Unversehrtheit kümmern muss. Die Verantwortung für die Gäste liegt unabweisbar in erster Linie beim Veranstalter. Die Frage bleibt natürlich, inwieweit das entsprechende Fachwissen und die Kapazitäten vorhanden sind, um die Aufgabe eigenhändig gut zu erfüllen. Doch genauso, wie ein Veranstalter nicht selbst kocht sondern einen Caterer beauftragt, kann er Unterstützung und das Fachwissen für den Schutz der Unversehrtheit bei Fachkräften einkaufen. Schauen Sie sich die Struktur einer Veranstaltung an, erkennen Sie drei Kernbereiche, die immer vorhanden sind und Beachtung finden müssen. Da ist selbstverständlich der Kernbereich der eigentlichen Show, ohne den es keinen Grund für die Veranstaltung gibt. Ebenso haben Sie die wichtigen Kernbereiche Öffentliche Ordnung und Unversehrtheit der Menschen. Für jeden Kernbereich muss es jemanden geben, der Verantwortung übernimmt und entsprechendes Fachwissen mitbringt. Sich dieses Wissen mühsam anzueignen und dennoch ein hohes Risiko von Fehlern einzugehen, ist in jedem Fall teurer als das Honorar von Beratern. Würde für jede Veranstaltung eine ehrliche Kalkulation aufgestellt, welche auch die Kosten für Risiken betriebswirtschaftlich einplant, wäre schnell klar, welcher finanzielle Nutzen sich durch eine Risiko-Verringerung beim Einsatz von Beratern ergibt.

 

eventfaq: Angesichts der hohen Anzahl täglicher Veranstaltungen mit vielen tausend Besuchern passiert – glücklicherweise – verhältnismäßig wenig, bzw. man bekommt ja auch nicht alles mit. Bis auf wenige Ausnahmen ist doch auf Veranstaltungen bisher nicht viel passiert. Außerdem hat dem Anschein nach bei den Genehmigungsbehörden auch ein Umdenken stattgefunden und die Auflagen sind vielerorts stark erhöht worden. Da stellt sich doch die Frage, ob sich dieser große Aufwand überhaupt lohnt?

Groskopf: Beim Lotto setze ich darauf, dass jede Zahl mit der gleichen Wahrscheinlichkeit kommt, unabhängig davon, ob sie das letzte Mal schon dran war. Geht es um die Eintrittswahrscheinlichkeit von Schadensereignissen bei Veranstaltungen scheint für viele plötzlich etwas anderes zu gelten. Die Tatsache, dass bisher nichts passiert ist, verringert scheinbar die Schadenswahrscheinlichkeit. Dabei gibt es immer ein Risiko, welches sich nicht ausschließen lässt und mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auftritt. Dazu kommen noch die Risiken, welche sich vermeiden lassen aber bisher unentdeckt geblieben sind. Eine vernünftige Aussage über die Wahrscheinlichkeit eines Schadensereignisses ist daher nur mit einer ehrlichen und umfassenden Analyse des Risikos möglich.

 

Zum anderen bin ich mir nicht sicher, ob bei den Genehmigungsbehörden wirklich ein zielgerichtetes Umdenken stattgefunden hat. Ich kenne Geschichten, dass plötzlich in Vorbesprechungen von Großveranstaltungen acht Vertreter sitzen, wo früher gerade mal einer kam. Ich erkenne hier mehr eine große Unsicherheit. Diese wird dann noch aus dem Bauch heraus mit Entscheidungen über die Höhe der Auflagen bekämpft und dient in erster Linie zur persönlichen Absicherung. Ob diese Vorgaben dann wirklich zielführend sind und zur Veranstaltung passen, ist offen. Der Veranstalter ist weiterhin voll verantwortlich für seine Verkehrssicherungspflichten, worauf Sie ja selbst deutlich auf Ihrer Internet-Seite hinweisen. Mir ist wichtig, dass ein Veranstalter seine Verantwortung kennt, vernünftige Grundlagen hat, um Entscheidungen zu treffen und Hilfe für die Umsetzung bekommt, um seine Veranstaltung, nach seinen Vorstellungen einer guten Show, zu verwirklichen.

 

eventfaq: Wir danken für das Gespräch!

 

Weitere Informationen zu Herrn Groskopf: www.groskopf-consulting.de

 

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